Faltblatt. Die Lyrikzeitschrift (seit 1994)

Nach einer Lesung in Berlin trat eine resolute junge Frau an mich heran und meinte, sie hätte etwas für mich, das ich sicherlich gebrauchen könne. Ja, ja, dachte ich, gewiß, dachte ich. Sie drückte mir die 9. Ausgabe der Zeitschrift Faltblatt in die Hand und nannte den Preis. Ich habe ihn bezahlt. Die Frau hatte recht. Faltblatt konnte ich gebrauchen. Und sieben Euro empfand ich nach der Lektüre als einen fairen Preis.
 

Faltblatt also – der Name des Heftes ist inzwischen ein ziemlicher Anachronismus geworden. Was 1994 mit einem Faltblatt in einer Auflage von rund 100 Exemplaren begann, hat in der Nummer 9 mit einem Umfang von 118 Seiten und einer Auflage von 900 Exemplaren das Ausmaß einer ziemlich umfänglichen Broschüre angenommen.
 

Faltblatt stellt in der hiesigen Literaturlandschaft eine singuläre Erscheinung dar. Dies hat sicherlich damit zu tun, dass Herausgeber und Verleger Theo Breuer der Zeitschrift seinen sehr persönlichen Stempel aufdrückt. Breuer ist ein Lyrikbesessener im besten Sinne des Wortes. Er ist nicht nur begeisterter Liebhaber lyrischen Schaffens, sondern vor allem kenntnisreicher (Ver-)Mittler und einfühlsamer Leser mit der Fähigkeit, Bücher entsprechend vorzustellen. So entsteht mit Faltblatt eine lyrische Zusammenschau, die – übers Jahr zusammengetragen – eine beinahe tagebuchförmige, zuweilen essayistische Struktur ergibt. So wird man eine Sortierung nach Rubriken (hier Buchvorstellungen, da Gedichte, dort Essays) vergeblich suchen. Man kann anfangen zu lesen, wo man will, immer trifft man auf viel Information, auf gute Gedichte, auf über 100 Buchvorstellungen, und auch Verlage bzw. deren lyrische Programme werden ausführlich vorgestellt. Die Vorstellung von Literaturzeitschriften durch Andreas Noga erfolgt in knapper und prägnanter Form und mit den entsprechenden Bezugsangaben.
 

Faltblatt ist eine Fundgrube für alle, die sich ein Bild von der Vielfalt der lyrischen Stimmen im deutschsprachigen Raum (und immer wieder darüber hinaus) machen wollen. Dabei fällt auf, dass für Breuer auch bisher eher weniger beachtete Autoren von Bedeutung sind, sofern sie über eine eigene lyrische Stimme verfügen. Gleiches gilt für kleine Verlage und Handpressen. Es kommt dem Herausgeber offensichtlich weniger auf das Wertungsgefüge des Literaturbetriebs an als auf eigene Maßstäbe. Das sorgt bisweilen für Konfliktstoff. So sensibel Breuer zumeist mit Autoren und ihrem Schaffen umgeht, so klar sagt er auch, wenn er etwas für mißlungen hält, wenn er etwas zu kritisieren hat. 

Man muß nicht immer Breuers Meinung sein, man kann sogar seine zuweilen schnoddrige Schreibart mißbilligen. Aber auch Reibung an seinen Auffassungen, die zumeist profunde begründet sind, kann Spaß machen und das Nachdenken über lyrische Produktion anregen. So sei Faltblatt also auch den lesenden Autoren (den Produzenten von Lyrik!) empfohlen – nicht zuletzt wegen der zahlreichen Gedichte sowie kenntnisreicher Essays und kritischer Texte anderer Autoren.
 

Faltblatt-Autoren sind u. a. Michael Arenz, Margot Beierwaltes, Hans Bender, Joseph Buhl, Marianne Glaßer, Michael Hamburger, Stefan Heuer, Axel Kutsch, Christoph Leisten, Hartwig Mauritz, Frank Milautzcki, Andreas Noga, Antje Paehler, Jan Röhnert, Walle Sayer, Saza Schröder, Heike Smets, Gerd Sonntag, Rüdiger Stüwe, Christa Wißkirchen und Maximilian Zander. 


Faltblatt ist ein unkommerzielles Projekt. Die folgenden Dinge wird der Leser vergeblich suchen, wenn er sie denn sucht: Anzeigen von Verlagen, Hinweise auf den Literaturbetrieb, die ISBN bei den vorgestellten Büchern, keine Ausschreibungen zu Preisen und Wettbewerben. Dies ist Breuers Sache und Anliegen nicht.


Dafür übermittelt Faltblatt Nachrichten aus den Werkstätten der Lyrik eines Jahres. Es fördert das Nachdenken über lyrisches Schaffen und gibt Raum für dieses Nachdenken aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Es gibt einen Einblick in die Lebendigkeit und Vielstimmigkeit lyrischen Schaffens auch jenseits der Rollbahnen der Vermarktung. Nicht zuletzt das macht es zu einem wichtigen Pulsmesser der Lyrikszene in diesem Land.


Faltblatt erscheint einmal im Jahr - und das auch nur unregelmäßig. Anderes würde die Möglichkeiten dieses Ein-Mann-Unternehmens aus Sistig/Eifel schlicht überfordern. So üben wir uns also weiterhin in Geduld bis zum Erscheinen von Faltblatt 10. --- 

Nach der Veröffentlichung von Faltblatt 9 im Dezember 2004 hat Theo Breuer in den Jahren 2005 bis 2013 die Monographien Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000 (520 Seiten), Kiesel und Kastanie. Von neuen Gedichten und Geschichten (310 Seiten) sowie das noch nicht veröffentlichte Buch Die schreibende Kraft. Literatur in den Jahren um 2010 (dessen vorläufiger Manuskriptumfang sich auf rund 770 Seiten beläuft) verfaßt, die allein mit ihrer Informationsfülle mehr als Ersatz sein dürften für in diesen Jahren nicht erschienene Faltblätter. Lieferbar ist noch die Faltblatt-Ausgabe 9. (Michael Mäde)
 
FALTBLATT 9 Edition YE Sistig/Eifel 2004 ISBN 3-87512-191-0

Lyrikedition YE (seit 2002)


Eins der einleitenden Zitate zu Theo Breuers Gedichtband Land Stadt Flucht, dem ersten Titel der Lyrischen Reihe Edition YE, lautet: Sei vielgestaltig wie das Weltall (Fernando Pessoa). Vielgestaltigkeit und Vielseitigkeit sind denn auch Hauptmerkmale dieser lyrischen Reihe, in der seit 2002 elf Lyrikbücher erschienen sind: acht Einzeltitel, eine Anthologie sowie zwei essayistische Monographien. Theo Breuer hat mit dieser Reihe den Raum für sehr unterschiedliche Dichterstimmen geschaffen, und seine persönliche Auswahl, die auf einer profunden Kenntnis der gegenwärtigen deutschsprachigen Lyrik beruht, bietet ein breites Spektrum der Themen, Stile und Tendenzen, vertreten durch Autoren, die man nicht unbedingt in Schulanthologien findet. Außer dem zumeist gleichen Umfang der Einzeltitel und der einheitlichen, nur in der Farbe unterschiedlichen Umschlaggestaltung werden beim Lesen mindestens noch zwei Merkmale deutlich, die alle Gedichtbände aufweisen und damit den kommunikativen Charakter der Edition YE zum Ausdruck bringen: zum einen das Kreisen um die Frage nach dem Stellenwert der Lyrik als anthropologischer Konstante und zum anderen die Intertextualität. (Klára Hůrková)

Band 1
 

Theo Breuer
Land Stadt Flucht 

Gedichte 
64 Seiten
2002




Aus der Tiefe des ländlichen Raumes lässt Theo Breuer die eisblumen klirren und schenkt uns mit lila gelächter einen Ausblick auf die Perspektiven zukünftiger Avantgarde. Der schroffen Schönheit dieser Dichterstimme ist zu wünschen, dass sie weit über die weichen Eifeltäler hinaus jene Aufmerksamkeit findet, die ihr seit langem gebührt. (Christoph Leisten)


 


land stadt flucht

biberschwanzpfannen
spiegel voll nachmittagsschweiß
aus schwärzlichem rot
bienen im kurpark
flatternd fallende schirme
zahnlose männer
autobahnbrücke
geschwungener landschaftsstrich
letzter finsterblick

Band 2

Antje Paehler
Schlingen Legen Fallen
 

Gedichte und Ahorismen
64 Seiten
2003


Schlingen Legen Fallen ist ein ruhiger Band mit melancholischem Grundton, Kraftausdrücke scheinen der Autorin nicht zu liegen – sie hat sie auch nicht nötig. Leise und äußerst gewissenhaft lösen sich die in den Texten gezeichneten, oftmals nur angedeuteten Bilder auf, werden Blätter zu formverwandten Tieren, zumeist in nicht mehr als 6 oder 7 Zeilen. In geradezu menschlicher Gestalt die Jahreszeiten, die den Leser nahezu chronologisch durch die Seiten führen. Beginnend mit Ende Februar// Es stimmt / aus den Hecken - / aus dem Schlaf schwemmen sie dich / an die Frühe, die / hat einen blauen Beifaden geht es über das Erwachen der Vegetation: Halsüberkopfübernacht / platzen Löffelkrautundrüben, // auf die Welt / kommt wieder die Erde weiter über den Sommer: Im Namen des Kaisers / legt er Lunten aus Phlox / läuft Feuer von Garten zu Garten / wagt sich die zweite Brut an den Himmel. / Es werden die Gallen reif / im August, bis ein winterliches (wie viele weitere übrigens titelloses) Poem den Kreis wieder schließt: Schon so wenig Schnee / verwischt Elstern im Garten - / wären sie nur still! Aber auch bei den Gedichten, die nicht in den Tenor der jahreszeitlichen Naturlyrik einstimmen, gibt es wunderbare Zeilen zu entdecken, so das vorzügliche Wildenberg: Brombeertüren / fallen ins Schloß / um einen Turm / lagern Geschichten / um Schichten / ab hier fährt / keine Sehnsucht mehr / in heilige Länder. Das Buch schließt mit 10 Aphorismen, die es mehrheitlich verstehen, die Qualität der vorangegangenen Gedichte zu halten. Neben meinem Favoriten Wenn das Format nicht stimmt, schickt sich kein Brief findet sich hier auch der Text, der namensgebend für diesen Band war: Wer Schlingen aus Geduldsfäden legt, dem geht nichts in die Fallen. (Stefan Heuer)


Band 3
 

Theo Breuer (Hg.)
NordWestSüdOst
. Gedichte von Zeitgenossen

Michael Arenz ∙ Margot Beierwaltes ∙ Hans Bender ∙ Holger Benkel ∙ Beat Brechbühl ∙ Theo Breuer ∙ Lars-Arvid Brischke ∙ Bert Brune Werner Bucher Joseph Buhl Hansjürgen Bulkowski Klaus Peter Dencker Hugo Dittberner Peter Engel Manfred Enzensperger Gerald Fiebig Wolfgang Fienhold Walter Helmut Fritz Marjana Gaponenko Marianne Glaßer Thomas Glatz Harald Gröhler Florian Günther Anna Gudera Aldona Gustas Joachim G. Hammer Stefan Heuer Franz Hodjak Hadayatullah Hübsch Hugo Ernst Käufer Adrian Kasnitz Matthias Kehle Karin Kinast Günter Kunert Axel Kutsch Alma Larsen Christoph Leisten Siggi Liersch Hartwig Mauritz Frank Milautzcki Regine Mönkemeier Jürgen Nendza Andreas Noga Antje Paehler Arne Rautenberg Jan Röhnert Peter Salomon Walle Sayer Kerstin R. Schlageter Helmut Schmale Kajo Scholz Saza Schröder Landfried Schröpfer Heike Smets Gerd Sonntag Ludwig Steinherr Jürgen Stelling Rainer Stolz Rüdiger Stüwe Johann P. Tammen Günter Vallaster Olaf Velte Jürgen Völkert-Marten Jan Wagner Peter Will Christa Wißkirchen Maximilian Zander  
128 Seiten
2003

Mit der Anthologie NordWestSüdOst hat Theo Breuer s/einen Querschnitt zeitgenössischer Dichtung vorgelegt. Er verzichtet ausdrücklich auf Gedichte so mancher 'etablierter' Lyriker und konzentriert sich, wie in der ganzen Reihe, auf weniger bekannte, aber von ihm geschätzte Autoren, die in den letzten Jahren in Faltblatt und den seit 2000 von ihm in der edition bauwagen (Itzehoe) herausgegebenen handgeschriebenen Künstlerbüchern aufgetaucht sind. Die fehlende thematische Vorgabe gibt jedem der 66 Beiträger die uneingeschränkte Freiheit der Gedichtauswahl. So läßt die Anthologie die Sprachlust und Vitalität zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik anklingen und ist, wie die gesamte Lyrikreihe der Edition YE Lesern mit den unterschiedlichsten Lyrik-Vorlieben sehr zu empfehlen. (Klára Hůrková) 


Axel Kutsch
Unter Kollegen

Immer wenn’s regnet,
schreibe er ein Gedicht.
Bei Sonnenschein,
sagt er, schreibe er nicht.
Ich möchte ja
nicht gehässig sein.
Ich wünsche ihm
immer Sonnenschein.


Band 4

Margot Beierwaltes
Ende des Klagens

Gedichte
64 Seiten
2004


Für Margot Beierwaltes ist die Lyrik als Lebensform ein zentrales Thema. Ihre Gedichte mit zahlreichen originellen Metaphern lesen sich wie Berichte aus einer Welt, in der Einsamkeit und Horchen in die Stille hinein zu besonderen Qualitäten geworden sind: weiße Vorhänge am offenen Fenster/ leicht ist es zu lachen und zu schweigen/ die Erzählung errichtet den Raum/ Sprungfedern an den Gelenken/ an der Wand die Landkarte von Uranus. Ähnlich wie Zander weiß auch Beierwaltes von der verborgenen Ordnung, die durch Poesie aufgespürt werden kann. Allerdings beschäftigt sich die Lyrikerin mit der Frage, inwieweit diese Botschaft, die sich dem Dichter erschließt, überhaupt mitteilbar ist, inwieweit Wörter „verstanden“ werden können. Ihre Gedichte oszillieren zwischen der Sehnsucht nach Kommunikation und dem Bewußtsein, daß die poetische Vision dem Alltagsdenken sehr fernliegt. So stellen ihre Texte geradezu einen Gegenentwurf zur Alltäglichkeit dar und bieten dem Leser eine Zuflucht in magischen Bildern, denen eine ganzheitliche poetische Weltsicht zugrunde liegt. (Klára Hůrková)

Band 5
 
Marianne Glaßer
Die Augen der Kartoffeln

Gedichte 
 64 Seiten
2004


Oft entstehen Gedichte von großer Stimmigkeit und Anmut: Der Rattenfänger geht wieder vorbei, Langsam rollt man den Abend hinaus und Ohne dich. Schon diese drei Gedichte reichen, den Band nicht mehr missen zu wollen. Insgesamt bleibt das Bändchen für mich ein bemerkenswertes Debüt, dem ich viele Leser wünsche. Leser, die Geduld haben, hinzuhören, die sich einlassen auf eine Stimme, die sich beim Überfliegen von ein paar Zeilen nicht erschließt. Und ich wünsche Marianne Glaßer, daß sie die Balance halten möge. Sie möge die Angststunden weiter überstehen, sich behaupten und uns, schön wäre öfter, davon Nachricht geben. Auf ihre poetische Art. (Michael Mäde)


Wenn der Wind
durch die Birke streicht,
schrecke
ich auf.
Doch der Wind
berührt nur
die Birke,
mein Kamm ist alt und
verliert seine Zähne
im Selbstgespräch
mit meinem Haar.

Band 6

Andreas Noga

Nacht Schicht

Gedichte
64 Seiten
2004



Dass Andreas Noga der Nacht wunderschöne Momente abzugewinnen weiß, ist einer
der Vorzüge seines Bandes. Der Wecker klingelte um zehn / vor zwei, heißt es anlässlich einer Mondfinsternis, wir zogen uns an / traten hinaus der Mond wurde / rot / du sprachst von Wellen / längen und gefiltertem Licht / ich sagte nur: sch. Souverän handhabt der Autor das bedeutungsstiftende Enjambement, eindringlich gewinnt er dem konkret erlebten Moment jene Weltsekunde ab, die gelingende Lyrik ausmacht. - Nogas Sensorium ist ausgerichtet auf die unscheinbaren Phänomene in Natur und Alltag, die ihm zu Parabeln werden für das Leben selbst. Dabei entstehen oftmals Bilder, die sich intensiv einprägen und die Sicht auf die Wirklichkeit verändern. Diese Verse lauschen / dem Biegsamen, tasten die Stille / ab, suchen den Schein // der den Schornstein / verbrennt und finden dann überraschend markant ein Licht / wo zu pausieren ist // wo eine Weile / zu warten ist. Das kontemplative Moment solcher Bilder korrespondiert irritierend schön mit den ironischen, den erotischen, den dezent-politischen Anklängen dieser Lyrik, die diesen Band zusammen mit den visuellen Gebilden zu einem facettenreichen Textgewebe verdichten. (Christoph Leisten) 

Band 7

Maximilian Zander

Antrobus’ Tagebuch

Gedichte
64 Seiten

2004 


Zanders poetische Kraft wird bei lyrischen Impressionen besonders deutlich, wo Natur und Mensch mit einer Auffassung von dieser, nicht zum besseren jagenden Welt verbunden werden. Die Texte sind dann zuweilen von Bitterkeit geprägt. Ja, manchmal klingt Verzweiflung durch und echte Betroffenheit (Liebe Janne, Pensionist, Einer, Aus Herrn Antrobus’ Tagebuch), die aber nie in Larmoyanz umschlägt, sondern gebunden und gebrochen wird durch Ironie. Zanders poetische und sprachliche Mittel sind unspektakulär, aber wirksam. So wie im Herbstgedicht N. 3: Das war heuer die letzte Herbstlaubkarre/ aus unserem Garten. Die laublosen Birken/ reden schon vom Schnee..../ Vorsorglich erfinde ich den einsamen Gast für Gespräche... (Michael Mäde)


 Aus Herrn Antrobus‘ Tagebuch

Wir sind einen Kalendertag
weitergekommen. Es gab keine Gasexplosion.
Genügend Unglück stand in der Zeitung.
Wir blieben verschont.
Unsere internen Katastrophen verursachen
kein Geräusch. Wir werden nicht auffällig.
Wie es aussieht, wird hier kurzfristig
keiner zur Axt greifen.
Manches macht uns nicht mehr so glücklich
wie früher. Wir essen Gemüse; rauchen nicht;
sind fleißig; gehen den Leuten aus dem Weg;
glauben nicht allzuviel; und lieben einander.
Aber das ist zu wenig.
Kein Zweifel, es wird zunehmend schwieriger,
von jemandem verläßlich zu wissen: Der hier
lebt noch, oder: Der ist schon tot.
Manchmal, nachts (es geht schnell vorbei)
entsetzt uns die Einsicht, daß wir allein sind
in diesem riesigen Sarkophag –
Wir gehen ins Haus und stellen den Fernseher an.

Band 8

Theo Breuer
Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000

Monographie
520 Seiten

 2005

Aus dem Hinterland heißt das Buch, weil sein Verfasser Theo Breuer weitab der Metropolen in einem Eifeldorf wohnt und von dort aus enthusiastisch und kenntnisreich wie kein zweiter das deutschsprachige Lyrikgeschehen verfolgt. Es heißt auch so, weil Lyrik im Vergleich zu den glamourösen und kommerziell erfolgreichen Bestsellern stets „aus dem Hinterland“ der Literatur- und Verlagsszene kommt. Was aber auch bedeutet, dass sie so nachhaltig wirken kann, wie vielleicht der Biobauer 'aus dem Hinterland' seine Felder bestellt. Aus dem Hinterland trägt den Untertitel Lyrik nach 2000 und kann bereits nach Durchsicht des Registers als die umfassendste Publikation zu diesem Thema zumindest im deutschsprachigen Raum gelten. (Gerald Fiebig)


Band 9

Joseph Buhl
Die Nacht ist nicht die Nacht /
Das Licht ist nicht das Licht

Gedichte und Essays
Nachwort von Paul Konrad Kurz:
Das Gedicht als poetischer Hirt
128 Seiten
2006

Am Taubenschlag
des alten Schießstands

Bis hierher verzweigen sich
die Arme der Kastanie,
so vollständig ist ihr Ausdruck,
so sehr begütigen die Teller
ihrer Hände Alles,
daß das Licht hereinsank,
sich herabbeugte,
über diesen Tisch,
bis es ihn berührte,
mit seiner Stirn,
und, hier, blieb,
unter unsren Lidern.

Im Ge­dicht an sich – als Beispiel benenne ich die gelungensten Gedichte von Joseph Buhl in Die Nacht ist nicht die Nacht / Das Licht ist nicht das Licht – bleibt die Zeit stehen, nein, sie wird in eine extrem verdich­tete Energie ver­wandelt, die ich sehr tief in mir als durch und durch lyrische er­lebe. Wer hat gesagt, Literatur sei die wahrhaftige Realität? Für mich ist Lyrik die wahr­haftig­ste. (Theo Breuer)




Band 10

Frank Milautzcki
Naß einander nicht fremd

Gedichte 
64 Seiten
2006

 

An meiner Einschätzung der Lyrikkraft und Sprachmagie des Frank Milautzcki, aus dessen Gedichten ich den gewinnbringenden Einfluß Christoph Meckelscher Lyrik herauslese (O-Ton Milautzcki: Meckel ist die Zündkerze in meinem Lyrikmotor), hat sich im Laufe der Jahre nichts geändert. Die Gedichte wirken auf mich immer mehr noch wie kleine Luftfahrzeuge, die durch meine geistige Welt schwirren und dort für massig Furore sorgen. Ich lese in diesen Versen die besondere lyrische, im Prinzip unbeschreibliche Sprache der Gedichte, die vielen Texten, die in Wahrheit nichts als in Zeilen gebrochene Prosa sind, abgeht. Das kommt bei Milautzcki so leicht und unscheinbar daher und birgt dabei schwungvolle Schwingungen der bezaubernsten Art, aus deren Drehungen sich jeweils kleine neue Welten bzw. Weltsichten ergeben. (Theo Breuer)

Das wird es geben. Die Bänke
sind schon demontiert und aus dem Westen
fallen die Tage grau gegen die leeren Hänge
Dort wo ich saß fehlt der Platz
Was es an Plätzen gab fiel anheim
daß es die Plätze gab
und niemand schaut sich um
während im Regen Gesichter zu Kindern
geraten einer einzigen schwarzen
Wahrheit: es hat es immer gegeben


Band 11

Theo Breuer
Kiesel & Kastanie. Von neuen Gedichten und Geschichten
Monographie zur Lyrik und Prosa nach 2000
312 Seiten

2008

Die Welt der Literatur ist in den Jahren nach 2000 nur noch schwer zugänglich. Wohin sich die interes­sier­ten Leserinnen und Leser auch wenden: Bü­cher, Bü­cher und nochmals Bücher. Wöchentlich drängen junge Autorinnen und Autoren mit neuen Titeln nach. Verlage und Zeitschriften schießen pilzartig aus dem Boden. Man sieht vor lauter Publikationen den buch­stäbli­chen Wald nicht mehr. Die große Unüber­sicht­lichkeit ist da.
Theo Breuer (*1956), Autor von Gedichtbänden und Monographien wie Ohne Punkt & Komma. Lyrik in den 90er Jahren (1999), Land Stadt Flucht (2002) und Aus dem Hinterland. Ly­rik nach 2000 (2005), geht es nicht an­ders. Was bleibe ihm also anderes übrig, fragt er in Kie­sel & Kastanie. Von neuen Gedichten und Geschichten, als seine Pfade durch diesen unwegsamen, rasant wuchernden, formi­dablen LiteratUrwald zu schlagen und blätternd, le­send, schmökernd nach interessanten Auto­ren, Büchern und Verlagen Ausschau zu halten.Auf sehr persönliche Weise erzählt Theo Breuer die Geschichte dieses (all-)täglichen Abenteuers in einem abwechslungs- und anekdotenreichen Buch, das mit sei­nem umfassenden Regi­ster und den immer wieder vergnüglichen Fuß­noten infor­matives Hand­buch, leben­diger Leitfa­den und literari­scher Ap­peti­tanre­ger zugleich ist.